Mittwoch, 20. August 2014

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Gisela Rauch über Sexismus und "wirklichen männlichen Machtmissbrauch"

Vergesst Brüderle

Rhein-Neckar, 04. Februar 2013. (red/mainpost.de) Die Sexismus-Debatte tobt seit der “Enthüllung” des Magazins stern über anzügliche Sprüche des FDP-Kanzlerkandidaten Rainer Brüderle (67), die dieser gegenüber der Journalisten Laura Himmelreich (29) geäußert haben soll. Über Twitter wurden tausende Meldungen mit dem Hashtag #aufschrei verschickt – alle Welt redet über Sexismus, was das ist, sein kann oder könnte und was man dagegen unternehmen kann, muss oder soll. In unserem Gastbeitrag schildet die Mainpost-Journalistin Gisela Rauch ihre Gedanken zum Thema: “Leider werden in der aktuellen Sexismus-Debatte solche dämlichen Anmachversuche a la Brüderle, die Frauen durchaus verbal kontern können und sollen, vermischt, vermengt und unzulässigerweise auf eine Stufe gestellt mit wirklichem männlichem Machtmissbrauch.”

Von Gisela Rauch

Als Frau, die Frauenquoten richtig, mehr Frauenrechte wichtig und Machtmissbrauch durch Männer unentschuldbar findet, müsste ich eigentlich die aktuelle Sexismus-Debatte begrüßen. Müsste mich froh einreihen in die Schar derer, die, Rache witternd für frühere Demütigungen, ihr Gedächtnis durchkramen nach männlichen Übergriffen. Müsste der „Stern“-Autorin, die ein Jahr nach einem späten Bar-Besuch wortreich beschreibt, wie Rainer Brüderles Blick an ihrem Busen haften blieb, dankbar sein dafür, dass sie mit ihrem Text die Debatte auslöste. Das bin ich aber nicht: Die Sexismus-Debatte nervt nicht nur; sie schadet.

Gisela Rauch findet, dass die Sexismus-Debatte nicht nur nervt, sondern auch schadet. Foto: Mainpost

Als Folge der aufgeregten weiblichen Anklagen in Print, Talk und über Twitter überlegen derzeit nämlich gerade die nettesten und des Sexismus unverdächtigsten Männer, ob sie es noch riskieren können, allein mit der Auszubildenden Aufzug zu fahren, der Kollegin ein Kompliment zu machen oder der deprimierten Nachbarin den Arm um die Schultern zu legen. Die Befürchtung, dass eine harmlose Geste zu ihren Ungunsten ausgelegt werden könnte, beschäftigt Männer jetzt, blockiert sie vielleicht demnächst. Damit nähern wir uns, was Verkrampftheit zwischen Geschlechtern betrifft, den Verhältnissen im hyperkorrekten Amerika an, wo ein sechsjähriger Knirps, der seine sechsjährige Mitschülerin küsst, schon mal von der Polizei abgeführt wird.

Die Hoffnung, dass Männer sich durch die krude Debatte auch künftig nicht von authentischen Gefühlsäußerungen abhalten lassen, beinhaltet selbstverständlich keine Billigung sexueller Übergriffe. Wenn Männer eine Situation, ihre körperliche Überlegenheit oder ihre Macht missbrauchen, um sich einer Frau gegen deren Willen sexuell zu nähern, dann ist das verurteilenswert; moralisch wie juristisch. Bei Brüderle lag die Situation aber offenbar anders: Da hat ein älterer Mann nach ein paar Gläsern Wein einer jungen Frau aufs Dekolleté gestarrt und sich darüber anerkennend geäußert. Sicher war das – gerade für einen erfahrenen Politiker – erstens billig und zweitens dämlich. Dass sich aber der FDP-Mann der Journalistin gegenüber sexistisch verhalten habe – dass er sie also aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert habe – das kann man ihm nicht vorwerfen.

Leider werden in der aktuellen Sexismus-Debatte solche dämlichen Anmachversuche a la Brüderle, die Frauen durchaus verbal kontern können und sollen, vermischt, vermengt und unzulässigerweise auf eine Stufe gestellt mit wirklichem männlichem Machtmissbrauch. Wenn Chefs Mitarbeiterinnen begrapschen, in dem Wissen, dass diese Frauen das hinnehmen müssen aus Angst, den Job zu verlieren, – dann ist das Sexismus. Wenn Präsidenten Praktikantinnen verführen und Promi-Hotelgäste Putzfrauen überfallen, dann besteht ein Macht- und Abhängigkeitsverhältnis, das ausgenutzt wird. Die Widerlichkeit solcher Verfehlungen wird abgeschwächt, wenn sie in einem Atemzug mit dem Brüderle-Vorfall genannt werden.

Männer in Deutschland haben immer noch deutlich mehr Vermögen als Frauen, höhere Renten- und Sozialleistungsansprüche, höhere Einkommen und – trotz schlechterer Abschlüsse – mehr Führungspositionen. Das sind Männer-Macht-Strukturen, über die es sich aufzuregen lohnt. Brüderle aber – ihn kann man vergessen.

Anm. d. Red.: Dieser Artikel ist zuerst bei der Mainpost in Würzburg erschienen. Wir danken der Redaktion für die Erlaubnis der Übernahme.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Jottka

    Verzeihung, aber der Fall DSK ist nicht mit Ergebnis verhandelt worden.

    Ebenso wenig ist eine 22-jährige White-House-Praktikantin ein Opfer. Mit der Volljährigkeit gehen auch Pflichten einher. Bewiesen waren die Geschehnisse in der Lewinsky-Affäre übrigens genauso wenig.

    In dubio pro reo. Diesen hohen Rechtsgrundsatz sollte man nicht für solch billige Argumentation opfern.

    Wer bei diesen angeblichen Abhängigkeitsverhältnissen dann hinterher auch ohne harte Beweise wirklich die Macht hatte, zeigte sich ja hinterher.

    Es ist übrigens auch Sexistische Kackscheiße wenn tagtäglich in Werbung, Einzelhandel etc. an die niederen männlichen Instinkte appelliert wird. Es findet sich halt immer eine Frau, die dieses »sex sells« mitmacht.
    Versuchen Sie mal als Mann einen Job als Sekretär, Bedienung oder Vergleichbarem zu bekommen. Das ist dann die berufliche Benachteiligung.

    Also gehen Männer dann seltener den Weg des geringsten Widerstands und jobben heute hier und morgen dort sondern lernen „etwas Gescheites“, das ein wenig mehr Einarbeitungszeit bedarf als die vier Grundrechenarten beim Addieren der Rechnungsposten in der Eckkneipe.

    Dann heiraten/bezieheln Frauen häufig „nach oben“, auch ohne Kinderwunsch. Wenn er dann mehr verdient als sie, ist die Frage, wer fürs Haushaltseinkommen sorgt, meist schnell geklärt wenn Kinder unterwegs sind. Auch alles Individualentscheidungen, die die Gesamtstatistik aber mächtig verzerren.

    Warum Ihre Quote denn nicht mal für alle Branchen und Berufe? Mit Zwang. Freie Berufswahl adé und Berufsausbildung nach planwirtschaftlichem Bedarf juche. Erspart die Orientierungsphase und beendet diese verpuffende Förderungsdiskussion endgültig.
    Ich möchte keinen Sozialismus-Teufel an die Wand malen, aber das wäre ultimativ gerecht aufs Kollektiv gesehen und ultimativ diskriminierend für das Individuum. Was davon möchten Sie?

    Warum denn nicht die Rente gestreckt auf Lebenserwartung berechnen und auszahlen? Keinerlei Anrechnung von Eltern- und Mutterzeiten auf die Rentenbeträge, denn schließlich sind Kinder erstens volkswirtschaftlich wertneutral und zweitens ist es Individualentscheidung jeder Frau, ob sie welche bekommen möchte.

    Wenn Sie die Löhne und Renten der Männer mit denen der Frauen vergleichen, dann rechnen Sie bitte auch mal Gefahren-, Montage- und Schichtzulagen sowie die Anteile von geringfügiger Beschäftigung um und ein. Außerdem brauchen wir mal verlässlichere, detailliertere Daten zu den Gehältern, um überhaupt gescheit darüber reden zu können.
    Die meisten Statistiken werden da nämlich schon eher bösartig und dilettantisch interpretiert à la „Sekretärin im Baugewerbe verdient nur 76% des Facharbeiters mit seinem Gefahrenzuschlag“. Übrigens schon wieder alles Individualentscheidungen.
    Unbedingt müssen wir da auch genauestens untersuchen, wer in welchem Haushalt die Hoheit über die Ausgaben hat und wer in welchem Maße davon profitiert. Das Ganze bitte auf jeden Joghurt und jeden Kalorienbedarf runtergerechnet. Wenn frau im Winter friert und die Heizkosten 50:50 bezahlt werden, dann möchte ich das bitte auch umgerechnet wissen.

    Zynisch könnte man auch fordern, dass der Anteil von Frauen in der Bevölkerung dezimiert werden muss, da diese meist 51% und mehr ausmachen. Übrigens alles potentielle Wahlberechtigte. Wo waren noch mal die zweistelligen Wahlergebnisse für frauenrechtlich orientierte Parteien?
    Aha, dann sind die Prioritäten der Geschlechtsgenossinnen eben doch nicht so wie Ihre. Aber Sie zählen sich ja sicher zur Avantgarde und wissen besser, was gut für Ihre Geschlechtsgenossinnen und diese Gesellschaft ist, oder?!

    Dieser ganze Revanchismus ist einfach nur peinliche Rosinenpickerei.