Samstag, 23. August 2014

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Faktencheck: RNF zeigte nicht nur einmal Leichenbilder als “Rohmaterial”


Mannheim/Rhein-Neckar, 12. September 2011. (red) Am Freitag haben wir das Rhein-Neckar-Fernsehen kritisiert, weil der-¬†Regionalsender unbearbeitete Aufnahmen von einer Leichenbergung nach einem Unfall auf der A5 im Online-Portal rnf.de ver√∂ffentlicht hat. RNF-Projektleiter Ralph K√ľhnl hat sich umfassend durch Kommentare dazu ge√§u√üert und behauptet, es handle sich um einen Fehler. Unsere Recherche zeigt, dass es wohl kein Fehler war. Die Ver√∂ffentlichung wurde sogar angek√ľndigt. Und es ist kein Einzelfall.

Von Hardy Prothmann

Am Donnerstag hat der Regionalsender Rhein-Neckar-Fernsehen “Rohmaterial” von fast 12 Minuten L√§nge im Internet ver√∂ffentlicht. Also die Bilder, die ein Kameramann vor Ort nach einem Unfall auf der A5 aufgenommen hat.

In einer Szene, die fast zwei Minuten dauert, sieht man, wie die Bestatter die Leiche eines Unfallopfers in einen Sarg hieven. Der nachrichtliche Aussagegehalt ist gleich Null – kein seri√∂ser Sender w√ľrde eine solche Szene in dieser L√§nge ausstrahlen, wenn √ľberhaupt nur ein “Schnittbild” von ein paar Sekunden L√§nge.

Wir haben daraufhin einen kritischen Kommentar geschrieben und diesen Vorgang als eine Art Trash-TV bezeichnet Рweil es gegen jeden journalistischen Standard verstößt, unbearbeitetes Material, egal, ob Ton, Text oder (Bewegt-)Bild zu veröffentlichen.

Erhebliche Zweifel an der Glaubw√ľrdigkeit der Darstellung

F√ľr den Sender hat Projektleiter Ralph K√ľhnl den Vorgang umfangreich kommentiert (siehe Kommentare hier am Ende des Artikels) und hat uns wiederum vorgeworfen, wir h√§tten unzureichend journalistisch gearbeitet – eine einfache R√ľckfrage h√§tte die Vermutung entkr√§ftet, dass das Rhein-Neckar-Fernsehen das “rohe” Material absichtlich ins Netz gestellt h√§tte. Es liege ein Fehler vor. Ein nicht-redaktioneller Mitarbeiter habe eine “Nummer” vertauscht, dadurch sei das Material ohne Absicht ver√∂ffentlicht worden und zudem nur f√ľr rund 2,5 Stunden sichtbar gewesen.

Wir haben erhebliche Zweifel an dieser Darstellung, denn die von uns recherchierten Fakten ergeben ein anderes Bild.

Rekonstruktion des Ablaufs:

Wir schildern den Ablauf, soweit wir diesen rekonstruieren können:

Am 08. September kommt es gegen 05:00 Uhr auf der A5 zu einem Unfall (siehe Bericht auf unserem Rheinneckarblog.de). Irgendwann sp√§ter treffen Reporter ein. Auch das RNF ist vor Ort und macht Aufnahmen. Der Kameramann kehrt in den Sender nach Mannheim zur√ľck und √ľberspielt die Aufnahmen von der Kamera ins Redaktionssystem.

Am 08. September 2011 “sendet” RNF eine erste Meldung auf Facebook:

Erste Hinweis auf das "Rohmaterial" auf der Facebook-Seite vom RNF.

Ein knappe Stunde sp√§ter schreibt Ralph K√ľhnl selbst, erkennbar am K√ľrzel ^rk, einen Beitrag, mit dem Hinweis:

“Die Fakten vom Unfall-¬† auf der A5 haben wir bereits auf rnf.de gestellt.”

"Fakten zum Unfall"?

Die “Fakten” zum Unfall also. Was meint er damit wohl? Hat er nichts von den “ersten Bildern bei rnf.de” gewusst? Soll man ihm das glauben?

Hatte die Redaktion keine Kenntnis von dem Rohmaterial?

Um 12:46 Uhr schreibt Andreas Etzold, wie K√ľhnl “Projektleiter” und zudem Jugendschutzbeauftragter (sic!) einen Hinweis auf den “Sendebeitrag”, der in der Abendsendung ausgestrahlt werden soll. Hat auch er √ľbersehen, dass das Rohmaterial online auch f√ľr Kinder und Jugendliche (es ist Ferienzeit) einsehbar ist?

Ralph K√ľhnel kommentiert sp√§ter unseren Bericht, am 10. September 2011 um 00:30 Uhr:

“Das Material, das im obigen Artikel beschrieben ist, stand am Donnerstag Morgen f√ľr ca. zweieinhalb Stunden auf der Startseite von rnf.de. Das h√§tte nicht passieren d√ľrfen.”

Diese Information konnten wir nicht √ľberpr√ľfen. Denn wir erfahren erst am Abend des 08. September 2011 durch einen Hinweis vom “Rohmaterial”, klicken auf den Link und sehen uns das Material an.

Die Bilder sprechen eine deutliche Sprache: Redaktionell unbearbeitetes Material wird uns gezeigt – wir sehen die Leichenszenen, pr√ľfen die Erreichbarkeit und gehen von der Homepage auf das Videoportal bei rnf.de und k√∂nnen den Beitrag dort aufrufen. Wir leeren den Cache unseres Computer und machen den Versuch an einem zweiten Computer – tats√§chlich l√§sst sich der Beitrag hier wie dort abrufen.

Stellt sich eine Recherchefrage wie Herr K√ľhnl das einfordert? Und ob wir gegen 21:00 Uhr abends noch jemandem im Sender erreicht h√§tten, wissen wir nicht. Wir meinen nicht, dass eine “Recherche” notwendig ist – der Vorgang ist eindeutig, wir stellen diesen dar und ordnen ihn als das ein, was er ist, skandal√∂s. Am 9. September 2011, um 00:21 Uhr geht unser Text online.

Unser Artikel zu den “Leichenbildern” bei RNF findet immer mehr Interesse

Am folgenden Tag wird unser Beitrag von Bildblog.de verlinkt - die Zugriffe steigen rasant an. Bundesweit lesen medieninteressierte Menschen unseren Artikel. Am Vormittag ist das “Rohmaterial” immer noch bei rnf.de zu finden, auch am Nachmittag. Wir wundern uns √ľber die Kaltbl√ľtigkeit des Senders. Sp√§ter best√§tigen uns Leserinnen und Leser, dass der Film auch noch am fr√ľhen Freitagabend an diesem 09. September zu sehen war, ein Leser sah ihn auf seinem Handy.

Am 10. September, um 12:02 Uhr kommentiert Herr K√ľhnl: “H√§tten wir, wie uns in dem Hauptartikel vorgeworfen wird, mit dem langen Video einen Effekt erzielen wollen, dann h√§tten wir es entsprechend promoted und es nicht im Video-Portal versteckt. Dann h√§tten wir vielleicht in Hauptsendung ‚ÄúRNF Life-‚ā¨¬Ě in der Moderation gesagt: ‚ÄúWenn Sie mehr spektakul√§re Bilder von dem Unfall bei Heppenheim sehen wollen, dann klicken Sie jetzt ins Video-Portal auf rnf.de. Dort haben wir den gesamten Rohschnitt f√ľr Sie hinterlegt.-‚ā¨¬Ě Das haben wir aber nicht.”

RNF weist Sensationslust zur√ľck

Anscheinend wei√ü Herr K√ľhnl nicht mehr, was er selbst noch vor Fertigstellung des “Sendebeitrags” in Facebook gepostet hat: “Die Fakten zum Unfall haben wir bereits auf rnf.de gestellt. ^rk”

Herr K√ľhnl erkl√§rt weiter irgendwas von “im Cache-Speicher” und anderes Zeugs. Tatsache ist, dass wir und alle unsere Kontakte den Film nicht bei youtube oder √ľber Google gesehen haben, sondern direkt √ľber die rnf.de-Seite.

Es entwickelt sich eine lange Debatte mit vielen Kommentaren zu unserem Artikel.

Behauptungen werden aufgestellt

Darin behauptet Ralph K√ľhnl erst einen technischen Fehler, dann soll ein “nicht-redaktioneller Mitarbeiter” im √úbereifer das “Rohmaterial” online gestellt haben. Sehr schnell versucht sich Herr K√ľhnl darin, unsere Arbeit zu kritisieren, um vom eigentlichen Thema, dem skandal√∂sen Zur-Schau-Stellung eines Unfalltoten abzulenken.

Auch auf direkten Weg nimmt er Kontakt zu uns auf und teilt uns mit, dass ein Mitarbeiter den Fehler gemacht hat. Die sehr lange email, in der es auch um andere Dinge geht, sollen wir aber “vertraulich” behandeln.

Wir sichern keine Vertraulichkeit zu, beantworten die email und damit war der Fall f√ľr uns erledigt.

Am folgenden Tag, den 11. September 2011, erhebt Herr K√ľhnl wieder massive Vorw√ľrfe gegen unsere Arbeit. Wir antworten entsprechend.

Rohes Material: Beitr√§ge mit “(no comment)” sind Originalaufnahmen

Dann surfen wir nochmals auf der Seite von rnf.de, um eine Information zu √ľberpr√ľfen.

Wir trauen unseren Augen nicht. Im Videoportal von rnf.de stehen zwei weitere Beitr√§ge direkt untereinander, wieder ist einer mit “(no comment)” gekennzeichnet. Der erste Beitrag ist ein Sendebeitrag vom 07. September 2011, wenn auch durch Amateurvideoaufnahmen von schlechter Qualit√§t.

F√ľr jeden Geschmack etwas: Sendebeitrag und "Rohmaterial" stehen untereinander.

Der zweite Film zeigt wiederum in der L√§nge von 01:34 Minuten nichts anderes als Bestatter, die in ein Haus gehen, mit der Leiche wieder herauskommen, diese verfrachten und davonfahren. Man h√∂rt vermutlich den Kameramann, der vermutlich telefoniert, als die Leiche aus dem Haus getragen wird: “Moment, jetzt kommen sie gerade. Ich kann nicht.”

“Moment, jetzt kommen sie gerade. Ich kann nicht.”

Angeblich dient dieses “Rohmaterial” als Angebot an andere Sender, die dem Rhein-Neckar-Fernsehen die Bilder abkaufen k√∂nnen. Tats√§chlich verwendet das RNF im Beitrag zu dem t√∂dlichen Schusswechsel im Mannheimer Stadtteil Neckarau selbst gerade mal zehn Sekunden. Und auch diese wohl entweder in Ermangelung anderen Bildmaterials oder eben in vollem Bewusstsein, so etwas der √Ėffentlichkeit zeigen zu wollen. Beides ist journalistisch eine Bankrotterkl√§rung.

(Siehe unseren Beitrag dazu hier.)

Klicken Sie auf das Bild, um den Film zu sehen.

Angeblich kann man dieses “Rohmaterial” nicht sehen – vermutlich, folgt man Herrn K√ľhnl, hat der “nicht-redaktionelle Mitarbeiter” auch hier eine “Zahl verwechselt”. Eventuell hat sich auch dieser Beitrag in irgendeinem “Cache” (Zwischenspeicher) verfangen und ist nun in den unendlichen Untiefen des Internet noch erreichbar. Ob Herrn K√ľhnl wohl noch eine andere Erkl√§rung einf√§llt?

F√ľr unseren Geschmack ist das ein wenig viel “angeblich, vermutlich, eventuell”.

“Das versendet sich.” – Aber nicht mehr in Zeiten des Internet

Fr√ľher, also vor dem Internet, sagten TV- und Radio-Journalisten bei solchen “Fehlern”: “Das versendet sich.” Man rechnete damit, dass nur wenige Menschen einen Beitrag speichern konnten, am n√§chsten Tag neue Themen das Interesse bestimmten und man somit fein raus war, weil die fehlerbehaftete Arbeit vergessen wurde.

Das Internet bietet aber gute Kontrollm√∂glichkeiten. Und die werden Herrn K√ľhnl und seinen Aussagen nun zum Verh√§ngnis – denn durch unsere Recherche gibt es begr√ľndete Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Behauptungen.

Mal untertellt, dass der Sender diese Beitr√§ge nicht absichtlich ver√∂ffentlicht, dann ist es ein Schlamperladen, dem zu viele Fehler passieren. Tats√§chlich muss man davon ausgehen, dass es absichtlich “passiert” – wieso sonst w√ľrden die Redakteure “Bilder und Fakten” anpreisen, bevor der Sendebeitrag fertig ist?

Wir werden den Sender wiederum nicht dazu befragen – wir sparen uns die M√ľhe, denn wir gehen davon aus, dass wir keine vertrauensw√ľrdigen Antworten erhalten.

Die Verwendung der Leichenbilder im Beitrag √ľber die Schie√üerei in Neckarau zeigt, dass der Sender selbst keine Skrupel hat, solches “Material” zu verwenden und auch im Fernsehen in ungeb√ľhrlicher L√§nge √ľber die absolut notwendige “Dokumentation” hinaus zu zeigen. Einen Nachrichtenwert haben solche Bilder nicht. In der l√§nge auch keinen dokumentarischen. Sie dienen einzig und allein dazu, die Sensationsgier zu stillen.

Bedauerlich ist, dass das Rhein-Neckar-Fernsehen vermutlich davon ausgeht, dass dessen Zuschauerinnen und Zuschauer solche Bilder sehen wollen.

Was das Rhein-Neckar-Fernsehen vom eigenen Publikum denkt – dar√ľber kann sich jeder selbst seine Meinung bilden.

 

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Die Moderation liegt bei der Redaktion. F√ľr uns steht fest: Kritische Diskussionen sind erw√ľnscht, pers√∂nliche Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren steht in der Netiquette.

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  • Donna E.

    Wie ich bereits in einem anderen Beitrag geschrieben habe, hat sich das RNF mit diesem Beitrag nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Trotzdem wird man das Gef√ľhl nicht los dass es dem Betreiber von heddesheimblog.de in Wirklichkeit gar nicht um die Sache geht, sondern eher darum Aufmerksamkeit zu erregen.
    Auch andere Leser haben ja bereits zu verstehen gegeben dass sie die Kritik am RNF teilen, es jedoch auch mal gut sein muss.
    Warum also muss Herr Prothmann in dieser Sache weiter machen?

    Hat er keine anderen Themen und muss ein nicht vorhandenes Sommerloch stopfen oder will er sich einfach nur mal wieder √ľber so einen Artikel ins Gespr√§ch bringen. Pfenning und Edeka geben gerade nichts mehr her, nimmt man eben das RNF?!

    Allein dass Herr Prothmann den Sprachfehler des RNF Kommentators Siegelmann benutzt um diesen zu diffamieren zeigt doch auf welchem Niveau hier gearbeitet wird. Da scheint mir selbst die BILD noch etwas mehr “echten” Journalismus zu bieten.

    Ach ja, angeblich kennt der Heddesheimblog ja keine Gegner, sondern nur Kritiker. Das ist auch gut so, denn der Blog ist grunds√§tzlich keine schlechte Sache. Aber ich hatte ja auch von den Gegner des Herrn Prothmann gesprochen und von denen gibt es zu gen√ľge ;-).

  • Metropolitaner

    Der Grund daf√ľr ist ganz einfach!

    So lange gelogen wird, soll die √Ėffentlichkeit davon erfahren.

    Es kann einfach nicht sein, dass eine Einrichtung die sich TV-Sender schimpft auf Kosten anderer in den Vordergrund r√ľckt.

  • heddesheimblog

    Guten Tag!

    Danke f√ľr Ihren Beitag.

    Vielleicht haben Sie ja Lust und Laune, nicht nur Aussagen zu treffen, sondern diese auch mit Argumenten zu unterf√ľttern?

    Woran machen Sie fest, dass es nicht um die Sache geht, sondern “nur um Aufmerksamkeit”?

    Halten Sie es nicht f√ľr etwas absurd, einem journalistischen Medium zu unterstellen, es gehe darum Aufmerksamkeit zu finden?
    Wäre es Ihrer Ansicht nach von Vorteil, alles daran zu setzen, keine Aufmerksamkeit zu finden?

    K√∂nnen Sie etwas mit dem Gedanken anfangen, dass man Themen nicht nur abfr√ľhst√ľckt, sondern weiter verfolgt?
    Beispielsweise dann, wenn Aussagen getroffen werden, die nicht mit der Realtit√§t √ľbereinstimmen?

    Ist Ihnen aufgefallen, dass es sich bei diesem Thema nur um eins unter vielen handelt?

    Was hat Herr Prothmann Ihrer Meinung nach davon, “sich ins Gespr√§ch zu bringen?
    Glauben Sie tats√§chlich, dass dies die Motivation f√ľr die Arbeit ist?

    Soll, solange es keine Nachrichten zu Pfenning oder Edeka gibt, die Arbeit eingestellt werden?

    Kennen Sie die Bedeutung des Worts “diffamieren”?

    Meinen Sie den Satz ernst? “Da scheint mir selbst die BILD noch etwas mehr ‚Äúechten‚ÄĚ Journalismus zu bieten.” Oder war Ihnen nur danach, ein bisschen dumm zu schw√§tzen?

    Finden Sie es “witzig”, dass sich “Gegner” herausbilden aufgrund von Berichterstattung?
    Haben Sie schon mal √ľberlegt, welche Entwicklung das nehmen kann, wenn man das f√ľr gut hei√üt?

    Viele Fragen – wir gehen davon aus, dass wir keine inhaltlich relevanten Antworten dazu von Ihnen erhalten.

    Deswegen sehen Sie es uns nach, dass wir bis zum Beweis des Gegenteils auf Ihre Kommentare verzichten.

    Einen sch√∂nen Tag w√ľnscht
    Das rheinneckarblog.de

  • der martin

    Die Sache artet mir nun arg in kleinkarierte Rechthaberei aus. Daher die Anregung: And now for something completely different…

  • Heddesheimer

    Ich finde gerade der Faktencheck hat es eben einiges zur Sache beigetragen.