Faktencheck: RNF zeigte nicht nur einmal Leichenbilder als “Rohmaterial”


Mannheim/Rhein-Neckar, 12. September 2011. (red) Am Freitag haben wir das Rhein-Neckar-Fernsehen kritisiert, weil der- Regionalsender unbearbeitete Aufnahmen von einer Leichenbergung nach einem Unfall auf der A5 im Online-Portal rnf.de veröffentlicht hat. RNF-Projektleiter Ralph Kühnl hat sich umfassend durch Kommentare dazu geäußert und behauptet, es handle sich um einen Fehler. Unsere Recherche zeigt, dass es wohl kein Fehler war. Die Veröffentlichung wurde sogar angekündigt. Und es ist kein Einzelfall.

Von Hardy Prothmann

Am Donnerstag hat der Regionalsender Rhein-Neckar-Fernsehen “Rohmaterial” von fast 12 Minuten Länge im Internet veröffentlicht. Also die Bilder, die ein Kameramann vor Ort nach einem Unfall auf der A5 aufgenommen hat.

In einer Szene, die fast zwei Minuten dauert, sieht man, wie die Bestatter die Leiche eines Unfallopfers in einen Sarg hieven. Der nachrichtliche Aussagegehalt ist gleich Null – kein seriöser Sender würde eine solche Szene in dieser Länge ausstrahlen, wenn überhaupt nur ein “Schnittbild” von ein paar Sekunden Länge.

Wir haben daraufhin einen kritischen Kommentar geschrieben und diesen Vorgang als eine Art Trash-TV bezeichnet – weil es gegen jeden journalistischen Standard verstößt, unbearbeitetes Material, egal, ob Ton, Text oder (Bewegt-)Bild zu veröffentlichen.

Erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Darstellung

Für den Sender hat Projektleiter Ralph Kühnl den Vorgang umfangreich kommentiert (siehe Kommentare hier am Ende des Artikels) und hat uns wiederum vorgeworfen, wir hätten unzureichend journalistisch gearbeitet – eine einfache Rückfrage hätte die Vermutung entkräftet, dass das Rhein-Neckar-Fernsehen das “rohe” Material absichtlich ins Netz gestellt hätte. Es liege ein Fehler vor. Ein nicht-redaktioneller Mitarbeiter habe eine “Nummer” vertauscht, dadurch sei das Material ohne Absicht veröffentlicht worden und zudem nur für rund 2,5 Stunden sichtbar gewesen.

Wir haben erhebliche Zweifel an dieser Darstellung, denn die von uns recherchierten Fakten ergeben ein anderes Bild.

Rekonstruktion des Ablaufs:

Wir schildern den Ablauf, soweit wir diesen rekonstruieren können:

Am 08. September kommt es gegen 05:00 Uhr auf der A5 zu einem Unfall (siehe Bericht auf unserem Rheinneckarblog.de). Irgendwann später treffen Reporter ein. Auch das RNF ist vor Ort und macht Aufnahmen. Der Kameramann kehrt in den Sender nach Mannheim zurück und überspielt die Aufnahmen von der Kamera ins Redaktionssystem.

Am 08. September 2011 “sendet” RNF eine erste Meldung auf Facebook:

Erste Hinweis auf das "Rohmaterial" auf der Facebook-Seite vom RNF.

Ein knappe Stunde später schreibt Ralph Kühnl selbst, erkennbar am Kürzel ^rk, einen Beitrag, mit dem Hinweis:

“Die Fakten vom Unfall-  auf der A5 haben wir bereits auf rnf.de gestellt.”

"Fakten zum Unfall"?

Die “Fakten” zum Unfall also. Was meint er damit wohl? Hat er nichts von den “ersten Bildern bei rnf.de” gewusst? Soll man ihm das glauben?

Hatte die Redaktion keine Kenntnis von dem Rohmaterial?

Um 12:46 Uhr schreibt Andreas Etzold, wie Kühnl “Projektleiter” und zudem Jugendschutzbeauftragter (sic!) einen Hinweis auf den “Sendebeitrag”, der in der Abendsendung ausgestrahlt werden soll. Hat auch er übersehen, dass das Rohmaterial online auch für Kinder und Jugendliche (es ist Ferienzeit) einsehbar ist?

Ralph Kühnel kommentiert später unseren Bericht, am 10. September 2011 um 00:30 Uhr:

“Das Material, das im obigen Artikel beschrieben ist, stand am Donnerstag Morgen für ca. zweieinhalb Stunden auf der Startseite von rnf.de. Das hätte nicht passieren dürfen.”

Diese Information konnten wir nicht überprüfen. Denn wir erfahren erst am Abend des 08. September 2011 durch einen Hinweis vom “Rohmaterial”, klicken auf den Link und sehen uns das Material an.

Die Bilder sprechen eine deutliche Sprache: Redaktionell unbearbeitetes Material wird uns gezeigt – wir sehen die Leichenszenen, prüfen die Erreichbarkeit und gehen von der Homepage auf das Videoportal bei rnf.de und können den Beitrag dort aufrufen. Wir leeren den Cache unseres Computer und machen den Versuch an einem zweiten Computer – tatsächlich lässt sich der Beitrag hier wie dort abrufen.

Stellt sich eine Recherchefrage wie Herr Kühnl das einfordert? Und ob wir gegen 21:00 Uhr abends noch jemandem im Sender erreicht hätten, wissen wir nicht. Wir meinen nicht, dass eine “Recherche” notwendig ist – der Vorgang ist eindeutig, wir stellen diesen dar und ordnen ihn als das ein, was er ist, skandalös. Am 9. September 2011, um 00:21 Uhr geht unser Text online.

Unser Artikel zu den “Leichenbildern” bei RNF findet immer mehr Interesse

Am folgenden Tag wird unser Beitrag von Bildblog.de verlinkt - die Zugriffe steigen rasant an. Bundesweit lesen medieninteressierte Menschen unseren Artikel. Am Vormittag ist das “Rohmaterial” immer noch bei rnf.de zu finden, auch am Nachmittag. Wir wundern uns über die Kaltblütigkeit des Senders. Später bestätigen uns Leserinnen und Leser, dass der Film auch noch am frühen Freitagabend an diesem 09. September zu sehen war, ein Leser sah ihn auf seinem Handy.

Am 10. September, um 12:02 Uhr kommentiert Herr Kühnl: “Hätten wir, wie uns in dem Hauptartikel vorgeworfen wird, mit dem langen Video einen Effekt erzielen wollen, dann hätten wir es entsprechend promoted und es nicht im Video-Portal versteckt. Dann hätten wir vielleicht in Hauptsendung “RNF Life-€ in der Moderation gesagt: “Wenn Sie mehr spektakuläre Bilder von dem Unfall bei Heppenheim sehen wollen, dann klicken Sie jetzt ins Video-Portal auf rnf.de. Dort haben wir den gesamten Rohschnitt für Sie hinterlegt.-€ Das haben wir aber nicht.”

RNF weist Sensationslust zurück

Anscheinend weiß Herr Kühnl nicht mehr, was er selbst noch vor Fertigstellung des “Sendebeitrags” in Facebook gepostet hat: “Die Fakten zum Unfall haben wir bereits auf rnf.de gestellt. ^rk”

Herr Kühnl erklärt weiter irgendwas von “im Cache-Speicher” und anderes Zeugs. Tatsache ist, dass wir und alle unsere Kontakte den Film nicht bei youtube oder über Google gesehen haben, sondern direkt über die rnf.de-Seite.

Es entwickelt sich eine lange Debatte mit vielen Kommentaren zu unserem Artikel.

Behauptungen werden aufgestellt

Darin behauptet Ralph Kühnl erst einen technischen Fehler, dann soll ein “nicht-redaktioneller Mitarbeiter” im Übereifer das “Rohmaterial” online gestellt haben. Sehr schnell versucht sich Herr Kühnl darin, unsere Arbeit zu kritisieren, um vom eigentlichen Thema, dem skandalösen Zur-Schau-Stellung eines Unfalltoten abzulenken.

Auch auf direkten Weg nimmt er Kontakt zu uns auf und teilt uns mit, dass ein Mitarbeiter den Fehler gemacht hat. Die sehr lange email, in der es auch um andere Dinge geht, sollen wir aber “vertraulich” behandeln.

Wir sichern keine Vertraulichkeit zu, beantworten die email und damit war der Fall für uns erledigt.

Am folgenden Tag, den 11. September 2011, erhebt Herr Kühnl wieder massive Vorwürfe gegen unsere Arbeit. Wir antworten entsprechend.

Rohes Material: Beiträge mit “(no comment)” sind Originalaufnahmen

Dann surfen wir nochmals auf der Seite von rnf.de, um eine Information zu überprüfen.

Wir trauen unseren Augen nicht. Im Videoportal von rnf.de stehen zwei weitere Beiträge direkt untereinander, wieder ist einer mit “(no comment)” gekennzeichnet. Der erste Beitrag ist ein Sendebeitrag vom 07. September 2011, wenn auch durch Amateurvideoaufnahmen von schlechter Qualität.

Für jeden Geschmack etwas: Sendebeitrag und "Rohmaterial" stehen untereinander.

Der zweite Film zeigt wiederum in der Länge von 01:34 Minuten nichts anderes als Bestatter, die in ein Haus gehen, mit der Leiche wieder herauskommen, diese verfrachten und davonfahren. Man hört vermutlich den Kameramann, der vermutlich telefoniert, als die Leiche aus dem Haus getragen wird: “Moment, jetzt kommen sie gerade. Ich kann nicht.”

“Moment, jetzt kommen sie gerade. Ich kann nicht.”

Angeblich dient dieses “Rohmaterial” als Angebot an andere Sender, die dem Rhein-Neckar-Fernsehen die Bilder abkaufen können. Tatsächlich verwendet das RNF im Beitrag zu dem tödlichen Schusswechsel im Mannheimer Stadtteil Neckarau selbst gerade mal zehn Sekunden. Und auch diese wohl entweder in Ermangelung anderen Bildmaterials oder eben in vollem Bewusstsein, so etwas der Öffentlichkeit zeigen zu wollen. Beides ist journalistisch eine Bankrotterklärung.

(Siehe unseren Beitrag dazu hier.)

Klicken Sie auf das Bild, um den Film zu sehen.

Angeblich kann man dieses “Rohmaterial” nicht sehen – vermutlich, folgt man Herrn Kühnl, hat der “nicht-redaktionelle Mitarbeiter” auch hier eine “Zahl verwechselt”. Eventuell hat sich auch dieser Beitrag in irgendeinem “Cache” (Zwischenspeicher) verfangen und ist nun in den unendlichen Untiefen des Internet noch erreichbar. Ob Herrn Kühnl wohl noch eine andere Erklärung einfällt?

Für unseren Geschmack ist das ein wenig viel “angeblich, vermutlich, eventuell”.

“Das versendet sich.” – Aber nicht mehr in Zeiten des Internet

Früher, also vor dem Internet, sagten TV- und Radio-Journalisten bei solchen “Fehlern”: “Das versendet sich.” Man rechnete damit, dass nur wenige Menschen einen Beitrag speichern konnten, am nächsten Tag neue Themen das Interesse bestimmten und man somit fein raus war, weil die fehlerbehaftete Arbeit vergessen wurde.

Das Internet bietet aber gute Kontrollmöglichkeiten. Und die werden Herrn Kühnl und seinen Aussagen nun zum Verhängnis – denn durch unsere Recherche gibt es begründete Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Behauptungen.

Mal untertellt, dass der Sender diese Beiträge nicht absichtlich veröffentlicht, dann ist es ein Schlamperladen, dem zu viele Fehler passieren. Tatsächlich muss man davon ausgehen, dass es absichtlich “passiert” – wieso sonst würden die Redakteure “Bilder und Fakten” anpreisen, bevor der Sendebeitrag fertig ist?

Wir werden den Sender wiederum nicht dazu befragen – wir sparen uns die Mühe, denn wir gehen davon aus, dass wir keine vertrauenswürdigen Antworten erhalten.

Die Verwendung der Leichenbilder im Beitrag über die Schießerei in Neckarau zeigt, dass der Sender selbst keine Skrupel hat, solches “Material” zu verwenden und auch im Fernsehen in ungebührlicher Länge über die absolut notwendige “Dokumentation” hinaus zu zeigen. Einen Nachrichtenwert haben solche Bilder nicht. In der länge auch keinen dokumentarischen. Sie dienen einzig und allein dazu, die Sensationsgier zu stillen.

Bedauerlich ist, dass das Rhein-Neckar-Fernsehen vermutlich davon ausgeht, dass dessen Zuschauerinnen und Zuschauer solche Bilder sehen wollen.

Was das Rhein-Neckar-Fernsehen vom eigenen Publikum denkt – darüber kann sich jeder selbst seine Meinung bilden.

 

  • Donna E.

    Wie ich bereits in einem anderen Beitrag geschrieben habe, hat sich das RNF mit diesem Beitrag nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los dass es dem Betreiber von heddesheimblog.de in Wirklichkeit gar nicht um die Sache geht, sondern eher darum Aufmerksamkeit zu erregen.
    Auch andere Leser haben ja bereits zu verstehen gegeben dass sie die Kritik am RNF teilen, es jedoch auch mal gut sein muss.
    Warum also muss Herr Prothmann in dieser Sache weiter machen?

    Hat er keine anderen Themen und muss ein nicht vorhandenes Sommerloch stopfen oder will er sich einfach nur mal wieder über so einen Artikel ins Gespräch bringen. Pfenning und Edeka geben gerade nichts mehr her, nimmt man eben das RNF?!

    Allein dass Herr Prothmann den Sprachfehler des RNF Kommentators Siegelmann benutzt um diesen zu diffamieren zeigt doch auf welchem Niveau hier gearbeitet wird. Da scheint mir selbst die BILD noch etwas mehr “echten” Journalismus zu bieten.

    Ach ja, angeblich kennt der Heddesheimblog ja keine Gegner, sondern nur Kritiker. Das ist auch gut so, denn der Blog ist grundsätzlich keine schlechte Sache. Aber ich hatte ja auch von den Gegner des Herrn Prothmann gesprochen und von denen gibt es zu genüge ;-).

  • Metropolitaner

    Der Grund dafür ist ganz einfach!

    So lange gelogen wird, soll die Öffentlichkeit davon erfahren.

    Es kann einfach nicht sein, dass eine Einrichtung die sich TV-Sender schimpft auf Kosten anderer in den Vordergrund rückt.

  • heddesheimblog

    Guten Tag!

    Danke für Ihren Beitag.

    Vielleicht haben Sie ja Lust und Laune, nicht nur Aussagen zu treffen, sondern diese auch mit Argumenten zu unterfüttern?

    Woran machen Sie fest, dass es nicht um die Sache geht, sondern “nur um Aufmerksamkeit”?

    Halten Sie es nicht für etwas absurd, einem journalistischen Medium zu unterstellen, es gehe darum Aufmerksamkeit zu finden?
    Wäre es Ihrer Ansicht nach von Vorteil, alles daran zu setzen, keine Aufmerksamkeit zu finden?

    Können Sie etwas mit dem Gedanken anfangen, dass man Themen nicht nur abfrühstückt, sondern weiter verfolgt?
    Beispielsweise dann, wenn Aussagen getroffen werden, die nicht mit der Realtität übereinstimmen?

    Ist Ihnen aufgefallen, dass es sich bei diesem Thema nur um eins unter vielen handelt?

    Was hat Herr Prothmann Ihrer Meinung nach davon, “sich ins Gespräch zu bringen?
    Glauben Sie tatsächlich, dass dies die Motivation für die Arbeit ist?

    Soll, solange es keine Nachrichten zu Pfenning oder Edeka gibt, die Arbeit eingestellt werden?

    Kennen Sie die Bedeutung des Worts “diffamieren”?

    Meinen Sie den Satz ernst? “Da scheint mir selbst die BILD noch etwas mehr “echten” Journalismus zu bieten.” Oder war Ihnen nur danach, ein bisschen dumm zu schwätzen?

    Finden Sie es “witzig”, dass sich “Gegner” herausbilden aufgrund von Berichterstattung?
    Haben Sie schon mal überlegt, welche Entwicklung das nehmen kann, wenn man das für gut heißt?

    Viele Fragen – wir gehen davon aus, dass wir keine inhaltlich relevanten Antworten dazu von Ihnen erhalten.

    Deswegen sehen Sie es uns nach, dass wir bis zum Beweis des Gegenteils auf Ihre Kommentare verzichten.

    Einen schönen Tag wünscht
    Das rheinneckarblog.de

  • der martin

    Die Sache artet mir nun arg in kleinkarierte Rechthaberei aus. Daher die Anregung: And now for something completely different…

  • Heddesheimer

    Ich finde gerade der Faktencheck hat es eben einiges zur Sache beigetragen.

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