Donnerstag, 23. Oktober 2014

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"Ent"täuschende "Berichterstattung"

Geprothmannt: Bagatell- vs. Kollateralschaden

Bleiben am Ende nur noch Tr√ľmmer? Journalismus war mal ein angesehener Beruf - heute ist das Image besch√§digt. Archivbild

 

Mannheim/Viernheim/Rhein-Neckar, 18. Juni 2012. (red) Es gibt einen Brand, die Feuerwehr l√∂scht diesen schnell. Der Schaden bleibt eigentlich √ľberschaubar und doch nicht. Das “Opfer” ist das “Scheck In-Center” in Viernheim. Aber es kommt noch ein weiteres hinzu, dass mit allem gar nichts zu tun hat: Die Bev√∂lkerung. Der Schadensverursacher: Journalisten. Der Schaden: Glaubw√ľrdigkeitsverlust in unbekanntem Ausma√ü.

Von Hardy Prothmann

Der Ruf von Journalisten ist nicht der beste. Vollkommen zurecht. Sie fragen sich jetzt, wieso ein Journalist dem eigenen Berufsstand ein schlechts Zeugnis ausstellt? Die Antwort ist ganz einfach: Nur wenn man sich nach vorne verteidigt, kann man hoffen, weitere Sch√§den zu verhindern. Das ist durchaus egoistisch gedacht. Denn ich und meine Mitarbeiter achten sehr auf bestm√∂gliche Qualit√§t unserer Informationen – egal, ob wir √ľber leichte Themen wie Feste und Aktivit√§ten berichten oder √ľber anspruchsvolle wie Kultur und Wirtschaft oder Politik und Sport.

Ganz klar machen auch seri√∂se Journalisten Fehler. Wenn diese passieren, sollten die Leserinnen und Leser aber dar√ľber informiert werden. Doch das tun die meisten Medien nicht. Auch klar: Wenn wir einen Rechtschreibfehler entdecken oder auf Fehler hingewiesen werden, verbessern wir den auch ohne eine Korrekturmeldung, wenn es sich um eine Bagatelle handelt. Berichte mit kapitalen Fehlern legen wir in der Kategorie “Korrektur” ab, damit Leserinnen und Leser sofort und ohne lange Suche eine zun√§chst fehlerhafte Berichterstattung sowie die Korrektur finden k√∂nnen. Auf dem Heddesheimblog sind dort seit dem Start vor drei Jahren “nur” acht von √ľber 2.500 Berichten als fehlerhaft gekennzeichnet. Wir √§rgern uns √ľber jeden Fehler und haben diese korrigiert.

Falscher Eindruck vermittelt

Der Mannheimer Morgen hat aktuell √ľber einen Brand im Viernheimer Scheck In-Center “berichtet”. Der “Bericht” ist mit dem K√ľrzel “bhr” gekennzeichnet. Der unbedarfte Leser denkt jetzt: “Ok, jemand, dessen Namen mit bhr abgek√ľrzt wird, war vor Ort oder nach sich zumindest telefonisch oder auf anderem Weg die Informationen besorgt, gepr√ľft und dann seinen Bericht verfasst.” Doch dieser naheliegende Gedanke ist in diesem Fall und leider viel zu oft ein Fehler. Denn kein Journalist des MM war vor Ort und es wurde auch sonst nichts recherchiert.

Tats√§chlich wurde also keine “journalistische Leistung” erbracht. Durch das geschickte Setzen von An- und Abf√ľhrungszeichen liest sich der Text, als habe “bhr” mit dem Pressesprecher der Feuerwehr Viernheim gesprochen, denn er zitiert ihn ja “w√∂rtlich”. Tats√§chlich ist dieser Eindruck aber eine T√§uschung. Auf Nachfrage best√§tigte uns der Pressesprecher Andreas Schmidt, dass er mit niemandem vom MM in dieser Sache gesprochen hat:

Die haben automatisch eine email mit dem Pressetext bekommen, wie alle Redaktionen, die das wollen.

Ist die Nachricht aber falsch? Ja und nein. Sie erweckt den falschen Eindruck, als habe der Journalist mit dem Pressesprecher gesprochen. Und sie erweckt den Eindruck, der Journalist habe selbst√§ndig recherchiert und den Bericht selbst verfasst. Die Fakten sind aus Sicht der Feuerwehr sicher zutreffend. Die Mutma√üung √ľber die Schadensh√∂he ist es nicht.

Die Originalmeldung der Feuerwehr. Quelle: FFW Viernheim

 

Die geguttenbergte Version im Mannheimer Morgen. Quelle: SHM


Geguttenbergter Journalismus ist Betrug am Leser

Diese Form “journalistischer” Arbeit ist g√§ngig in vielen Redaktionen: Bei Zeitungen, Magazinen, im Radio und Fernsehen und im Internet. Man nimmt frei zug√§ngliche Informationen, “etikettiert” sie ein wenig um und schon hat man einen “eigenen” redaktionellen Bericht. Das ist und bleibt Betrug am Leser.

Sie fragen sich, warum das passiert? Warum andere Redaktionen so verfahren? Warum es nicht alle ehrlich und transparent wie wir mit unseren Blogs berichten? Fragen Sie die Redaktion Ihres Vertrauens. Ich versichere Ihnen, man wird Sie nicht sonderlich ernst nehmen. Erst, wenn Sie das Abo k√ľndigen wollen.

Wir tun das, was eigentlich eigentlich selbstverst√§ndlich sein sollte. Wir benennen n√§mlich immer deutlich die Quelle, wie auch in diesem Fall ist der Text mit “Information der Feuerwehr Viernheim” klar gekennzeichnet worden. Das hat mehrere Gr√ľnde. Der wichtigste: Wir respektieren die Arbeit von anderen. Wir schm√ľcken uns nicht mit “fremden Federn”. Der n√§chste Grund ist: Wo bei uns “Redaktion” draufsteht, ist auch Redaktion drin. Daf√ľr sind wir verantwortlich. Und ein ebenfalls sehr wichtiger Grund ist: Wir k√∂nnen nur daf√ľr einstehen, was wir selbst recherchiert haben. Wir wollen uns weder fremde Inhalte aneignen, noch darin enthaltene Fehler.

Der Einsatzbericht der Feuerwehr beispielsweise ist √ľberwiegend korrekt – hat aber den Eindruck eines gro√üen Schadens hinterlassen. Viele Kunden blieben heute deswegen dem Markt fern. Wir haben die Meldung ebenso gebracht, waren aber bis 14:00 Uhr das einzige Medium, das einen Reporter vor Ort hatte, um sich ein Bild zu machen und haben danach umgehend berichtet, dass es f√ľr Kunden keine Einschr√§nkungen gibt und der Schaden eher √ľberschaubar ist.

Au√üerdem konnten wir recherchieren, dass in diesem Fall wohl eine “Klarstellung” in der morgigen Ausgabe der Zeitung folgen soll – man darf gespannt sein. Denn die Scheck In-L√§den geh√∂ren zur Edeka-Gruppe. Und dort ist man “not amused” √ľber den scheinbar redaktionellen Bericht im Mannheimer Morgen. Die Edeka selbst ist ein sehr gro√üer Kunde der Zeitung und d√ľrfte pro Jahr Anzeigen im Wert von einigen Millionen Euro bei der Zeitung schalten. Ich versichere Ihnen, dass man bei der Zeitung in diesem Fall den √Ąrger sehr ernst nimmt. Aber nicht, weil man “journalistisch” besser oder wenigstens “korrekt” arbeiten will, sondern um den Umsatz nicht zu gef√§hrden.

Bagatell- vs. Kollateralschaden

Nach dem Brand ist im Scheck In – anders als im Feuerwehrbericht gemutma√üt – nur ein “Bagatellschaden” entstanden. Dieser Schaden wurde unn√∂tig durch Umsatzausf√§lle f√ľr das Unternehmen vergr√∂√üert. Der gro√üe Kollateralschaden entsteht aber durch den allt√§glichen Guttenberg-Journalismus, bei dem nach Lust und Laune geklaut und abgekupfert, umetikettiert und abgeschrieben wird. Sie halten diesen “Fall” f√ľr eine Bagatelle? Ist er nicht, weil er nur ein Beispiel f√ľr eine systematische T√§uschung vieler Mediennutzer ist. (Haben Sie die “Jogi”-F√§lschung bei der EM mitbekommen? Das ZDF zeigte eine “Live-Berichterstattung”, in die Aufnahmen hineingeschnitten wurden, die vor dem Spiel, also nicht “live” entstanden sind. Das hat zu heftiger Kritik gef√ľhrt. FAZ: “Die Regie spielt falsch“)

Einen Brandschaden kann man beseitigen – eine besch√§digte Glaubw√ľrdigkeit ist nur schwer wieder zu bereinigen.

Darunter leiden aber nicht nur die Schummler, sondern auch alle, die sich gr√∂√üte M√ľhe geben, einen herausragende oder zumindest ehrlichen Journalismus zu bieten. Leider tun das immer weniger und der f√ľr die Gesellschaft und Demokratie so wichtige Journalismus verliert weiter an Ansehen. Da k√∂nnen sich Politiker und Journalisten die Hand geben – aber es gibt auch in der Politik “anst√§ndige” Leute.

Die Leserinnen und Leser können ebenso wie Unternehmen aber deutlich machen, ob sie Qualität wollen oder nicht.

Bei einer Wahl macht macht das mit einer Stimme. Im Markt hat man auch Macht: Minderwertige Produkte kann man abbestellen oder muss sie nicht kaufen. Und Werbung kann man im glaubw√ľrdigen Umfeld schalten, wo sie auch am besten wirkt.

Weitere Informationen:

Wie aus einer gemeindlichen Pressemitteilung ein Redakteursbericht wird, lesen Sie hier: “Ist der Mannheimer Morgen ein Sanierungsfall?

Wie die RNZ einen PR-Text eines Politikers zu einem Redakteursbericht macht, lesen Sie hier: “Nachgefragt: Wie wird aus einer politischen PR-Meldung ein redaktioneller Text in der RNZ?

In Sachen Guttenberg war die mediale Emp√∂rung gro√ü. Dabei sind viele Medien selbst sehr erfahren in Plagiaten. “Plagiator-Formel: Dreist, dreister, Journalist ‚Äď wie Tageszeitungen tagt√§glich ‚Äúbeschei√üen‚ÄĚ

Ein unabh√§ngiger Reporter berichtet √ľber eine SPD-Hauptversammlung. Weit gefehlt. Der Reporter ist selbst Mitglied im Ortsverein. “Was von der Berichterstattung der RNZ unter dem K√ľrzel ‚Äústu‚ÄĚ zu halten ist

Auch wir machen Fehler – und reagieren angemessen: “Urheberrecht vermutlich missachtet

 

Anm. d. Red.: Um Missverst√§ndnissen vorzubeugen: Die Freiwillige Feuerwehr wird ausdr√ľcklich nicht kritisiert. Die hat wie so oft ihren Job gemacht und einen gr√∂√üeren Schaden verhindert.

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