Freitag, 18. Mai 2012

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Nachgefragt: Wie wird aus einer politischen PR-Meldung ein redaktioneller Text in der RNZ?

Ist das Umtexten einer politischen PR-Meldung tatsächlich geeignet, als redaktioneller Text veröffentlicht zu werden? Oder ist das Betrug am Leser?

Rhein-Neckar, 17. November 2011. (red) Nicht nur der Politik, sondern auch den Medien muss man “auf die Finger schauen”, wenn seltsame Dinge passieren. Aktuell erschien in großer Aufmachung am 15. November ein Text in der RNZ, den angeblich der Redakteur Stefan Hagen geschrieben hat. Das Problem: Dieser Text ist mit allen wesentlichen Inhalten und teils wortgleich bereits am 14. November 2011 erschienen – auf der Homepage des CDU-Landtagsabgeordneten Georg Wacker.

Von Hardy Prothmann

Eigentlich sollen die Medien als “vierte Gewalt” ja die Politik kritisch begleiten. Das ist auch gut so. Schlecht wird es, wenn Medien mit der Politik gemeinsame Sache machen.

Am 27. November gibt es eine Volksabstimmung über das Schicksal von Stuttgart 21. Am 15. November erscheint in der Rhein-Neckar-Zeitung ein Text, der jeden Zusammenhang zwischen S21 und dem Ausbau der S-Bahn Rhein-Neckar zurückweist.

Angeblich seien Kritiker widerlegt – es gebe keinen Zusammenhang. S21 habe keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung der S-Bahn, so lautet die Botschaft kurz zusammengefasst. Die “Gegenseite” wurde für diesen Text nicht gehört. Ein klarer handwerklicher Fehler.

Mehr als erstaunlich ist, dass dieser angeblich redaktionelle Text bereits einen Tag zuvor erschienen ist. Als Information des CDU-Landtagsabgeordneten Georg Wacker. Und erstaunlich ist, dass tags drauf beispielsweise die CDU Ladenburg ebendiesen Text als “Pressemitteilung” verschickt.

Da kommen Fragen auf: Beispielsweise zur Unabhängigkeit und Überparteilichkeit der Rhein-Neckar-Zeitung. Wie kann es sein, dass ein einseitiger Text, der zudem unwahre Aussagen enthält, es als ein von einem Redakteur gefertigten Artikel in die Rhein-Neckar-Zeitung schafft?

Wir haben versucht, von der Rhein-Neckar-Zeitung Auskunft zu erhalten. Ob wir eine Antwort erhalten ist offen. Aber auch keine Antwort wäre eine Antwort.

Links:

Originalartikel beim CDU-Landtagsabgeordneten Georg Wacker

Artikel in der RNZ

Dokumentation unserer Anfrage:

An die Chefredaktion RNZ

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 15. November 2011 berichtet die RNZ in der Ausgabe 264 auf Seite 9 unter der Überschrift “Verzögerungen Ja – aber nicht wegen S21″ über einen nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen S21 und dem Ausbau der S-Bahn Rhein-Neckar.

Der Redakteur Stefan Hagen zitiert darin Herrn Wacker und andere CDU-Mitglieder und beruft sich auf ein Schreiben des Verkehrsministeriums.

Nach unseren Recherchen handelt es sich bei dem angeblich durch Herrn Hagen verfassten Text in allen wesentlichen Teilen um einen Text, der von Herrn Wacker am 14. November, also einen Tag zuvor auf dessen eigener Homepage veröffentlicht worden ist.

Wir haben dazu berichtet:
http://www.weinheimblog.de/2011/11/16/offener-brief-an-die-cdu-weinheim-unredlich-ist-wer-falsch-zeugnis-ablegt/

Unser Versuch, die Umstände der Entstehung dieses Textes zu erfragen, ist gescheitert. Herr Hagen hat uns telefonisch folgendes mitgeteilt:

“Das ist mein Text, ich habe den verfasst und bearbeitet. Ich bedanke mich herzlich.”

Dann legte Herr Hagen auf.

Wir würden nun gerne wissen, ob es bei der RNZ üblich ist, PR-Texte von politischen Parteien, insbesondere der CDU, inhalts- und auch wortgleich als selbständig verfasste redaktionell-journalistische Leistungen von Redakteuren zu veröffentlichen?

Wenn dem so ist, würden wir gerne in Erfahrung bringen, wie sich das mit einem unabhängigen und objektiven Journalismus verträgt? Sollten Sie keinen überparteilichen und unabhängigen Journalismus betreiben, hat sich die Frage natürlich erübrigt. Dann hätten wir aber gerne eine kurze Bestätigung, dass Sie einen parteiischen und abhängigen Journalismus betreiben und verantworten.

Darüber hinaus möchten wir gerne wissen, ob es vielleicht sogar vorstellbar ist, dass Herr Hagen den Text für Herrn Wacker geschrieben hat und seine Aussage, es handle sich um “seinen” Text somit zutreffend ist. Dann wäre unsere Feststellung, dass es sich nicht um einen Text von Herrn Hagen handelt, natürlich haltlos.

Eventuell war Ihnen nicht bekannt, dass Herr Hagen, unabhängig davon, ob er seinen eigenen Text oder den von Herrn Wacker, umgeschrieben hat. Wenn dem so ist, würde uns interessieren, welche Konsequenzen Sie aus dieser Kenntnis ziehen?

Wären Sie eventuell bereit, sich bei Ihren Lesern zu entschuldigen und einen Text an gleicher Stelle zu veröffentlichen, der die “unglückliche” Genese dieses Propaganda-Stücks erklärt? Vielleicht sogar verbunden mit einer Versicherung, dass Sie alles dafür tun, dass sich solche “unglücklichen” Veröffentlichungen nicht wiederholen?

Wir bedanken uns recht herzlich vorab für Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen
Das Weinheimblog.de

Hardy Prothmann

Kommentare

  1. Horst Berger meint:

    Diesen Text habe ich als Lesermeinung am 17.11.2011 um 10.33 Uhr auf der Seite der RNZ-Online ( http://tinyurl.com/ceyht7g ) als Lesermeinung geschrieben.

    Toller CDU-PR-Bericht. Auf der Seite vom Abgeordneten Wacker findet sich dieser Text: http://www.georg-wacker.de/?p=1686 Dieser Text wurde aber bereits 24 Stunden vorher veröffentlicht. Die Kurpfälzer sache: „dumm gelaufe oller?“.

    Ich war bisher immer der Meinung, dass PR-Berichte als solche gekennzeichnet werden müssen. Dies ist anscheinend nicht der Fall. Bedauerlich, dass sich der Redakteur Stefan Hagen als „Schönschreiber“ der CDU entlarvt hat.

    Noch bedenklicher ist, dass sich anscheinend die RNZ-Chefredaktion in das System mit einbinden lässt. Es lohnt sich schon einmal die beiden Berichte Wacker (14.11.2011 – 03.19) und diesen hier nebeneinander zu legen. Manche nennen diese Art des Journalismus „Kampagnenjournalismus“!

    Dieses Schreiben ist an den Chefredakteur Dr. Welzel gesendet worden:

    Sehr geehrter Herr Dr. Welzel,

    als Abo-Kunde sollte sich man nich alles gefallen lassen. Es geht um den Bericht Ihres Redakteurs Stefan Hagen. Er ist der Verfasser dieses Beitrages: „Verzögerungen ja – aber nicht wegen S 21“.

    Dieser Bericht erschien bereits 24-Stunden vorher auf der Seite vom CDU-Abgeordenten Georg Wacker. Diesen Bericht finden Sie hier: http://www.georg-wacker.de/?p=1686 Bisher war mir noch nicht klar, dass auch die RNZ Kampagnenjournalismus betreibt.

    Ich habe bereits seit 15 Jahren eine DB-Netzkarte und spüre bereits die Auswirkungen durch S21. Ein großteil der Nahverkehrszüge ist unpünktlich. Die ICE 3 sehr störanfällig. Warum? Weil Personal eingespart wird. Umso skandalöser finde ich diesen PR-Bericht durch den PR-Redakteur Stefan Hagen.

    Ich bitte um unverzügliche Aufklärung bis spätestens Freitag, 18.11.2011 – 12 Uhr. Sollte ich keine Antwort erhalten werden alle Abos gekündigt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Horst Berger
    —-
    Die entsprechende Antwort von Herr Dr. Welzel werde ich dann veröffentlichen!

  2. W.H. meint:

    Mir hat mal ein Ortsvorstand der SPD per E-Mail geschrieben, dass es ein 5-Mio-Euro Budget geben soll, “um mit Unterstützung der Tageszeitungen lediglich redaktionell und sachlich (Also kein Hochglanz, keine Millionen von durchgestrichenen Stuttgart Aufklebern wie es die S21 Gegner lieben) die beschlossenen Fakten neutral darzustellen.”

    Die Textpassagen der Mails sind hier zitiert:

    http://demokratischesstuttgart.wordpress.com/2011/07/02/medien-tss-tss-tss/

    Unfassbar, wie verdorben Teile unserer Medien geworden sind.

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