Mittwoch, 29. Oktober 2014

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Wir verzichten auf die Veröffentlichung des Interviews mit Dr. Birgit Reinemund (FDP)

“Fragen nicht im Sinne von…”

birgit reinemund fdp mannheim stadtrat mdb_620

Findet sich nicht “in ihrem Sinne” wiedergegeben – die StadtrĂ€tin und Bundestagsabgeordnete Dr. Birgit Reinemund (FDP).

 

Mannheim/Rhein-Neckar, 27. Juni 2013. (red/pro) Zur Bundestagswahl 2013 interviewen wir die Bundestagsmitglieder/Kandidaten in unserem Berichtsgebiet. Unter anderem Frau Dr. Birgit Reinemund (FDP). Am 28. Mai hat unsere VolontĂ€rin Lydia Dartsch die Abgeordnete zum GesprĂ€ch getroffen und am 04. Juni den Text zur “Freigabe” geschickt. Drei Wochen spĂ€ter teilt uns das BĂŒro mit, dass das Interview so nicht erscheinen könne. Das ist falsch. Es wird ĂŒberhaupt nicht erscheinen.

Von Hardy Prothmann

Die SouverĂ€nitĂ€t von GesprĂ€chspartnern variiert. Es gibt die absolut souverĂ€nen, wie beispielsweise den Schwetzinger OberbĂŒrgermeister Dr. RenĂ© Pöltl, mit dem wir ein enorm langes Interview gefĂŒhrt haben und der uns die Freigabe fĂŒr das 25.000-Zeichen-Interview nach einer halben Stunde bestĂ€tigt hat. Er wĂŒnschte nur eine kleine Korrektur, eine Jahreszahl war im Text nicht richtig. Das haben wir natĂŒrlich korrigiert. Oder kĂŒrzlich Herr Professor Jochen Hörisch – aus einem zweistĂŒndigen GesprĂ€ch habe ich ein Interview “zusammengefasst” – kein Korrekturwunsch.

Journalismus vs. PR-Gebabbel

Und es gibt komplett unsouverĂ€ne GesprĂ€chspartner wie die FDP-Bundestagsabgeordnete Dr. Birgit Reinemund. Die lĂ€sst drei Wochen nach Zusendung des Interviews mitteilen, die meisten Fragen und Antworten seinen “nicht in ihrem Sinne wiedergegeben”. Daher mĂŒsse das Interview “grundsĂ€tzlich ĂŒberarbeitet werden”. Das brauche “leider noch etwas mehr Zeit”. Wenn wir auf eine Veröffentlichung verzichten wollten, stehe uns das “frei”. Man bitte um RĂŒckmeldung, ob man das Interview ĂŒberarbeiten solle.

Dies ist die RĂŒckmeldung: Frau Dr. Reinemund oder ein Angestellter in deren BĂŒro können sich die MĂŒhe sparen. Denn wir veröffentlichen keine Interviewtexte, die im “Sinne von irgendjemandem” und “grundsĂ€tzlich” ĂŒberarbeitet worden sind. Wir sind keine ausgelagerte PR-Pressestelle, die irgendwelche geglĂ€ttete Parteipropaganda in die Welt hinausblĂ€st. Wir stellen Fragen und bilden die gegebenen Antworten inhaltlich korrekt ab. Und unsere Fragen bleiben unsere Fragen – ganz sicher lassen wir die nicht grundsĂ€tzlich im Sinne von Hinz und Kunz ĂŒberarbeiten.

Die Antworten der GesprĂ€chspartner geben wir zutreffend wieder. Das Angebot der Freigabe heißt nicht, dass sich Politiker oder andere interviewte Personen hinterher “bessere” Antworten ĂŒberlegen können, sondern dass der Inhalt auf Fehler geprĂŒft wird. Vielleicht wurde eine falsche Zahl genannt oder ein nicht korrektes Datum. Vielleicht haben wir tatsĂ€chlich etwas inhaltlich nicht korrekt erfasst – auch das ist “theoretisch” möglich. Mit solchen Korrekturen, die faktisch begrĂŒndet sind, haben wir keine Probleme.

Dreiste Freigeberitits

In der Journalistenbranche wird die “Freigeberitis” schon seit Jahren thematisiert. Es gibt sogar Politiker, die so dreist sind, dass sie nicht-gestellte Fragen in Texte einfĂŒgen oder Fragen umschreiben, damit sie die gewĂŒnschte Antwort darauf geben können. Leider gibt es zu viele Medien, die das durchgehen lassen. Immer wieder hören wir den Wunsch, das wir Artikel vor Veröffentlichung “zur PrĂŒfung” vorlegen sollen, “das machen doch alle, also auch Zeitung xy”.

Wenn Medien und Politiker oder andere Personen so “Hand in Hand” arbeiten, ist jede unabhĂ€ngige Berichterstattung, jedes kritische Nachfragen, jede Pressefreiheit schlicht und einfach erledigt. Journalismus hat dann ausgedient. Übrig bleibt eine reine PR-Schleuder.

Vielleicht hat Frau Dr. Reinemund bislang andere Erfahrungen gemacht oder ist als “HinterbĂ€nklerin” in ihrer ersten Legislaturperiode einfach zu unerfahren oder vielleicht ist ihr BĂŒroleiter, der FDP-Stadtrat Volker Beisel, vorauseilend gehorsam.

Als Chefredakteur habe ich mir die GesprĂ€chsaufzeichnung zwischen Frau Dr. Reinemund und unserer VolotĂ€rin Lydia Dartsch angehört und den Interviewtext dazu gelesen. Die Arbeit ist vollkommen zutreffend und in Ordnung. SelbstverstĂ€ndlich ist ein Interview meistens eine “Kunstform”, das heißt, Antworten werden zusammgenfasst und gestrafft, sprachlich ĂŒberarbeitet – auch im Sinne der GesprĂ€chspartner. Oder sollte man jedes “Ă€h”, jede Wiederholung, jede “seltsame” Formulierung wiedergeben? Das wĂŒrde Texte unlesbar machen.

Die Kollegin Lydia Dartsch hat die Aussagen von Frau Dr. Reinemund zutreffend zusammengefasst. Wenn Frau Dr. Reinemund oder ihr BĂŒroleiter Beisel nun im Nachhinein andere Formulierungen “in ihrem Sinne” wĂŒnschen, bedanken wir uns ganz herzlich, dass uns die “Freiheit” zugestanden wird, den Text nicht veröffentlichen zu mĂŒssen.

Hinweis: Die Interviews mit den Kandidaten werden jeweils terminlich vereinbart. Dann wir ein GesprĂ€ch gefĂŒhrt. Idealerweise sind Fragen und Antworten 1:1 identisch. Das setzt allerdings eine hohe Konzentration und außerordentliche rhetorische FĂ€higkeiten beim GesprĂ€chspartner voraus. Typischerweise werden Aussagen zusammengefasst und aus dem mĂŒndlichen in Textsprache transskribiert. Die Aufgabe dabei ist, so nah wie möglich an der mĂŒndlichen Aussagen zu bleiben. Insbesondere, wenn viele “NebensĂ€tze” oder “GedankensprĂŒnge” vorhanden sind, erfordert dies durchaus ein hohes Geschick. Ziel ist immer die zutreffende Wiedergabe der inhaltlichen Information.

Bislang sind diese Interviews erschienen:

Franziska Brantner (BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen): Schon meine Schulzeit war europĂ€isch geprĂ€gt

Lothar Binding (SPD): Kluge Politik nicht nur fĂŒr die Region allein

Dirk Niebel (FDP): Wer einen Plan B hat, folgt Plan A nicht konsequent genug

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Josef Deinlein

    Muss man denn auf solche Zensuren wirklich eingehen? Kann man nicht einfach sagen, dass es nicht darum geht, das Interview auf die Interessen des Interviewten einstellt, sondern dass es darum geht, dass dieses Interview korrekt wiedergegeben ist und dass man deshalb das Interview unverĂ€ndert veröffentlicht, weil es bei der Freigabe auch nur darum geht, dass der Interviewte weiß, was freigegeben wird.

    • hardyprothmann

      Guten Tag!
      Wir hÀtten das Interview bringen können, verzichten aber wegen des dargestellten Ablaufs darauf.

      Einen schönen Tag
      Hardy Prothmann

  • w_p

    Auch wenn Sie in diesem betreffendem Fall vielleicht wirklich Recht haben (was man schlecht ĂŒberprĂŒfen kann, da man ja nicht das komplette, nicht-transkribierte und das ĂŒberarbeitete Interview sieht) stört mich etwas das ‘Nachtreten’ im Artikel und der selbstgerechte Ton – nach dem Motto, “Was soll das mit dieser Freigeberitis? Wir wĂŒrden doch NIE etwas falsch machen außer sehr kleinen Sachen – diese Möglichkeit besteht doch nur in der Theorie!”
    Gerade wenn man sich FĂ€lle wie z.B. den des BundesprĂ€sidenten ansieht, dem praktisch unter Verdrehung der Tatsachen in den Mund gelegt wurde das er Snowden fĂŒr einen VerrĂ€ter hĂ€lt, dann ist das Bestehen auf dem Freigeben eines Textes schon fast eine ZwangslĂ€ufigkeit.

    • hardyprothmann

      Guten Tag!

      Sie sind anscheinend ein neuer Leser. Wir thematisieren regelmĂ€ĂŸig, dass ĂŒberall da, wo Menschen arbeiten, Fehler gemacht werden. Im Gegensatz zu anderen Medien verschweigen wir das nicht, sondern kommunizieren Fehler.

      Nach Ihrer Argumentation gĂ€be es keine freie Presse mehr. Denken Sie nochmal drĂŒber nach.

      • w_p

        Nachdem ich darĂŒber nachgedacht habe (ĂŒbrigens eine schöne rhetorische Methode – “Denken sie mal darĂŒber nach” und damit implizieren das der GegenĂŒber wenn er nur nachdenken wĂŒrde einem zustimmen muss ;)) kann ich ihre BefĂŒrchtung nicht nachvollziehen.

        Erstens besteht eine Zeitung nicht nur aus Interviews – niemand hĂ€lt sie davon ab einen normalen Artikel ĂŒber die betreffende Person zu schreiben.

        Zweitens sehe ich nicht inwiefern eine ÜberprĂŒfung des Textes auf sachliche und inhaltliche Richtigkeit die Pressefreiheit beschneidet. Journalisten sind (wie sie richtig bemerkt haben) Menschen, machen Fehler und/oder deuten manchmal ein Interview böswillig in eine bestimmte Richtung damit sie die nĂ€chste große Schlagzeile bekommen (Leider sind ja die meisten Zeitungen nicht politisch neutral, sondern verfolgen selbst eine bestimmte politische Agenda oder stehen ihr zumindest nahe. Vergleichen sie doch mal ein Interview mit jemanden von der CDU und der SPD in der taz). Und das muss man sich als Interviewter meiner Meinung nach nicht gefallen lassen.

        NatĂŒrlich gibt es auch die andere Seite der Medaille die sie in ihrem Eintrag beschreiben haben. Ehrlich gesagt bin ich sogar geneigt Ihnen da zu glauben nachdem ich mir die anderen Interviews durchgelesen habe. Im Interview mit Dr. Pöltl agieren sie als reiner Stichwortgeber zu bestimmten Themen, kritische oder diskussionswĂŒrdige Nachfragen sehe ich dort nicht – ich wĂŒsste also auch nicht was daran jemand beanstanden könnte.

  • hardyprothmann
  • hardyprothmann

    Guten Tag!

    Die taz hatte auch Schwierigkeiten mit einem FDP-Politiker:

    https://blogs.taz.de/hausblog/2013/09/09/philipp-roesler-fragen-und-keine-antworten/

  • hardyprothmann

    “Zwei Schmetterlinge tanzen neben Reinemund in der Luft, aus dem
    Nachbargarten hört man einen Brunnen plÀtschern. Es ist ein kleines
    Idyll, das sie sich hier draußen geschaffen hat.”

    https://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/von-der-freude-ins-kalte-wasser-zu-springen-1.1194170