Mittwoch, 30. Juli 2014

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Wir verzichten auf die Ver├Âffentlichung des Interviews mit Dr. Birgit Reinemund (FDP)

“Fragen nicht im Sinne von…”

birgit reinemund fdp mannheim stadtrat mdb_620

Findet sich nicht “in ihrem Sinne” wiedergegeben – die Stadtr├Ątin und Bundestagsabgeordnete Dr. Birgit Reinemund (FDP).

 

Mannheim/Rhein-Neckar, 27. Juni 2013. (red/pro) Zur Bundestagswahl 2013 interviewen wir die Bundestagsmitglieder/Kandidaten in unserem Berichtsgebiet. Unter anderem Frau Dr. Birgit Reinemund (FDP). Am 28. Mai hat unsere Volont├Ąrin Lydia Dartsch die Abgeordnete zum Gespr├Ąch getroffen und am 04. Juni den Text zur “Freigabe” geschickt. Drei Wochen sp├Ąter teilt uns das B├╝ro mit, dass das Interview so nicht erscheinen k├Ânne. Das ist falsch. Es wird ├╝berhaupt nicht erscheinen.

Von Hardy Prothmann

Die Souver├Ąnit├Ąt von Gespr├Ąchspartnern variiert. Es gibt die absolut souver├Ąnen, wie beispielsweise den Schwetzinger Oberb├╝rgermeister Dr. Ren├ę P├Âltl, mit dem wir ein enorm langes Interview gef├╝hrt haben und der uns die Freigabe f├╝r das 25.000-Zeichen-Interview nach einer halben Stunde best├Ątigt hat. Er w├╝nschte nur eine kleine Korrektur, eine Jahreszahl war im Text nicht richtig. Das haben wir nat├╝rlich korrigiert. Oder k├╝rzlich Herr Professor Jochen H├Ârisch – aus einem zweist├╝ndigen Gespr├Ąch habe ich ein Interview “zusammengefasst” – kein Korrekturwunsch.

Journalismus vs. PR-Gebabbel

Und es gibt komplett unsouver├Ąne Gespr├Ąchspartner wie die FDP-Bundestagsabgeordnete Dr. Birgit Reinemund. Die l├Ąsst drei Wochen nach Zusendung des Interviews mitteilen, die meisten Fragen und Antworten seinen “nicht in ihrem Sinne wiedergegeben”. Daher m├╝sse das Interview “grunds├Ątzlich ├╝berarbeitet werden”. Das brauche “leider noch etwas mehr Zeit”. Wenn wir auf eine Ver├Âffentlichung verzichten wollten, stehe uns das “frei”. Man bitte um R├╝ckmeldung, ob man das Interview ├╝berarbeiten solle.

Dies ist die R├╝ckmeldung: Frau Dr. Reinemund oder ein Angestellter in deren B├╝ro k├Ânnen sich die M├╝he sparen. Denn wir ver├Âffentlichen keine Interviewtexte, die im “Sinne von irgendjemandem” und “grunds├Ątzlich” ├╝berarbeitet worden sind. Wir sind keine ausgelagerte PR-Pressestelle, die irgendwelche gegl├Ąttete Parteipropaganda in die Welt hinausbl├Ąst. Wir stellen Fragen und bilden die gegebenen Antworten inhaltlich korrekt ab. Und unsere Fragen bleiben unsere Fragen – ganz sicher lassen wir die nicht grunds├Ątzlich im Sinne von Hinz und Kunz ├╝berarbeiten.

Die Antworten der Gespr├Ąchspartner geben wir zutreffend wieder. Das Angebot der Freigabe hei├čt nicht, dass sich Politiker oder andere interviewte Personen hinterher “bessere” Antworten ├╝berlegen k├Ânnen, sondern dass der Inhalt auf Fehler gepr├╝ft wird. Vielleicht wurde eine falsche Zahl genannt oder ein nicht korrektes Datum. Vielleicht haben wir tats├Ąchlich etwas inhaltlich nicht korrekt erfasst – auch das ist “theoretisch” m├Âglich. Mit solchen Korrekturen, die faktisch begr├╝ndet sind, haben wir keine Probleme.

Dreiste Freigeberitits

In der Journalistenbranche wird die “Freigeberitis” schon seit Jahren thematisiert. Es gibt sogar Politiker, die so dreist sind, dass sie nicht-gestellte Fragen in Texte einf├╝gen oder Fragen umschreiben, damit sie die gew├╝nschte Antwort darauf geben k├Ânnen. Leider gibt es zu viele Medien, die das durchgehen lassen. Immer wieder h├Âren wir den Wunsch, das wir Artikel vor Ver├Âffentlichung “zur Pr├╝fung” vorlegen sollen, “das machen doch alle, also auch Zeitung xy”.

Wenn Medien und Politiker oder andere Personen so “Hand in Hand” arbeiten, ist jede unabh├Ąngige Berichterstattung, jedes kritische Nachfragen, jede Pressefreiheit schlicht und einfach erledigt. Journalismus hat dann ausgedient. ├ťbrig bleibt eine reine PR-Schleuder.

Vielleicht hat Frau Dr. Reinemund bislang andere Erfahrungen gemacht oder ist als “Hinterb├Ąnklerin” in ihrer ersten Legislaturperiode einfach zu unerfahren oder vielleicht ist ihr B├╝roleiter, der FDP-Stadtrat Volker Beisel, vorauseilend gehorsam.

Als Chefredakteur habe ich mir die Gespr├Ąchsaufzeichnung zwischen Frau Dr. Reinemund und unserer Volot├Ąrin Lydia Dartsch angeh├Ârt und den Interviewtext dazu gelesen. Die Arbeit ist vollkommen zutreffend und in Ordnung. Selbstverst├Ąndlich ist ein Interview meistens eine “Kunstform”, das hei├čt, Antworten werden zusammgenfasst und gestrafft, sprachlich ├╝berarbeitet – auch im Sinne der Gespr├Ąchspartner. Oder sollte man jedes “├Ąh”, jede Wiederholung, jede “seltsame” Formulierung wiedergeben? Das w├╝rde Texte unlesbar machen.

Die Kollegin Lydia Dartsch hat die Aussagen von Frau Dr. Reinemund zutreffend zusammengefasst. Wenn Frau Dr. Reinemund oder ihr B├╝roleiter Beisel nun im Nachhinein andere Formulierungen “in ihrem Sinne” w├╝nschen, bedanken wir uns ganz herzlich, dass uns die “Freiheit” zugestanden wird, den Text nicht ver├Âffentlichen zu m├╝ssen.

Hinweis: Die Interviews mit den Kandidaten werden jeweils terminlich vereinbart. Dann wir ein Gespr├Ąch gef├╝hrt. Idealerweise sind Fragen und Antworten 1:1 identisch. Das setzt allerdings eine hohe Konzentration und au├čerordentliche rhetorische F├Ąhigkeiten beim Gespr├Ąchspartner voraus. Typischerweise werden Aussagen zusammengefasst und aus dem m├╝ndlichen in Textsprache transskribiert. Die Aufgabe dabei ist, so nah wie m├Âglich an der m├╝ndlichen Aussagen zu bleiben. Insbesondere, wenn viele “Nebens├Ątze” oder “Gedankenspr├╝nge” vorhanden sind, erfordert dies durchaus ein hohes Geschick. Ziel ist immer die zutreffende Wiedergabe der inhaltlichen Information.

Bislang sind diese Interviews erschienen:

Franziska Brantner (B├╝ndnis90/Die Gr├╝nen): Schon meine Schulzeit war europ├Ąisch gepr├Ągt

Lothar Binding (SPD): Kluge Politik nicht nur f├╝r die Region allein

Dirk Niebel (FDP): Wer einen Plan B hat, folgt Plan A nicht konsequent genug

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├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • Josef Deinlein

    Muss man denn auf solche Zensuren wirklich eingehen? Kann man nicht einfach sagen, dass es nicht darum geht, das Interview auf die Interessen des Interviewten einstellt, sondern dass es darum geht, dass dieses Interview korrekt wiedergegeben ist und dass man deshalb das Interview unver├Ąndert ver├Âffentlicht, weil es bei der Freigabe auch nur darum geht, dass der Interviewte wei├č, was freigegeben wird.

    • hardyprothmann

      Guten Tag!
      Wir h├Ątten das Interview bringen k├Ânnen, verzichten aber wegen des dargestellten Ablaufs darauf.

      Einen sch├Ânen Tag
      Hardy Prothmann

  • w_p

    Auch wenn Sie in diesem betreffendem Fall vielleicht wirklich Recht haben (was man schlecht ├╝berpr├╝fen kann, da man ja nicht das komplette, nicht-transkribierte und das ├╝berarbeitete Interview sieht) st├Ârt mich etwas das ‘Nachtreten’ im Artikel und der selbstgerechte Ton – nach dem Motto, “Was soll das mit dieser Freigeberitis? Wir w├╝rden doch NIE etwas falsch machen au├čer sehr kleinen Sachen – diese M├Âglichkeit besteht doch nur in der Theorie!”
    Gerade wenn man sich F├Ąlle wie z.B. den des Bundespr├Ąsidenten ansieht, dem praktisch unter Verdrehung der Tatsachen in den Mund gelegt wurde das er Snowden f├╝r einen Verr├Ąter h├Ąlt, dann ist das Bestehen auf dem Freigeben eines Textes schon fast eine Zwangsl├Ąufigkeit.

    • hardyprothmann

      Guten Tag!

      Sie sind anscheinend ein neuer Leser. Wir thematisieren regelm├Ą├čig, dass ├╝berall da, wo Menschen arbeiten, Fehler gemacht werden. Im Gegensatz zu anderen Medien verschweigen wir das nicht, sondern kommunizieren Fehler.

      Nach Ihrer Argumentation g├Ąbe es keine freie Presse mehr. Denken Sie nochmal dr├╝ber nach.

      • w_p

        Nachdem ich dar├╝ber nachgedacht habe (├╝brigens eine sch├Âne rhetorische Methode – “Denken sie mal dar├╝ber nach” und damit implizieren das der Gegen├╝ber wenn er nur nachdenken w├╝rde einem zustimmen muss ;)) kann ich ihre Bef├╝rchtung nicht nachvollziehen.

        Erstens besteht eine Zeitung nicht nur aus Interviews – niemand h├Ąlt sie davon ab einen normalen Artikel ├╝ber die betreffende Person zu schreiben.

        Zweitens sehe ich nicht inwiefern eine ├ťberpr├╝fung des Textes auf sachliche und inhaltliche Richtigkeit die Pressefreiheit beschneidet. Journalisten sind (wie sie richtig bemerkt haben) Menschen, machen Fehler und/oder deuten manchmal ein Interview b├Âswillig in eine bestimmte Richtung damit sie die n├Ąchste gro├če Schlagzeile bekommen (Leider sind ja die meisten Zeitungen nicht politisch neutral, sondern verfolgen selbst eine bestimmte politische Agenda oder stehen ihr zumindest nahe. Vergleichen sie doch mal ein Interview mit jemanden von der CDU und der SPD in der taz). Und das muss man sich als Interviewter meiner Meinung nach nicht gefallen lassen.

        Nat├╝rlich gibt es auch die andere Seite der Medaille die sie in ihrem Eintrag beschreiben haben. Ehrlich gesagt bin ich sogar geneigt Ihnen da zu glauben nachdem ich mir die anderen Interviews durchgelesen habe. Im Interview mit Dr. P├Âltl agieren sie als reiner Stichwortgeber zu bestimmten Themen, kritische oder diskussionsw├╝rdige Nachfragen sehe ich dort nicht – ich w├╝sste also auch nicht was daran jemand beanstanden k├Ânnte.

  • hardyprothmann
  • hardyprothmann

    Guten Tag!

    Die taz hatte auch Schwierigkeiten mit einem FDP-Politiker:

    https://blogs.taz.de/hausblog/2013/09/09/philipp-roesler-fragen-und-keine-antworten/

  • hardyprothmann

    “Zwei Schmetterlinge tanzen neben Reinemund in der Luft, aus dem
    Nachbargarten h├Ârt man einen Brunnen pl├Ątschern. Es ist ein kleines
    Idyll, das sie sich hier drau├čen geschaffen hat.”

    https://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/von-der-freude-ins-kalte-wasser-zu-springen-1.1194170