Freitag, 19. Dezember 2014

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Wir verzichten auf die Veröffentlichung des Interviews mit Dr. Birgit Reinemund (FDP)

“Fragen nicht im Sinne von…”

birgit reinemund fdp mannheim stadtrat mdb_620

Findet sich nicht “in ihrem Sinne” wiedergegeben – die Stadtr√§tin und Bundestagsabgeordnete Dr. Birgit Reinemund (FDP).

 

Mannheim/Rhein-Neckar, 27. Juni 2013. (red/pro) Zur Bundestagswahl 2013 interviewen wir die Bundestagsmitglieder/Kandidaten in unserem Berichtsgebiet. Unter anderem Frau Dr. Birgit Reinemund (FDP). Am 28. Mai hat unsere Volont√§rin Lydia Dartsch die Abgeordnete zum Gespr√§ch getroffen und am 04. Juni den Text zur “Freigabe” geschickt. Drei Wochen sp√§ter teilt uns das B√ľro mit, dass das Interview so nicht erscheinen k√∂nne. Das ist falsch. Es wird √ľberhaupt nicht erscheinen.

Von Hardy Prothmann

Die Souver√§nit√§t von Gespr√§chspartnern variiert. Es gibt die absolut souver√§nen, wie beispielsweise den Schwetzinger Oberb√ľrgermeister Dr. Ren√© P√∂ltl, mit dem wir ein enorm langes Interview gef√ľhrt haben und der uns die Freigabe f√ľr das 25.000-Zeichen-Interview nach einer halben Stunde best√§tigt hat. Er w√ľnschte nur eine kleine Korrektur, eine Jahreszahl war im Text nicht richtig. Das haben wir nat√ľrlich korrigiert. Oder k√ľrzlich Herr Professor Jochen H√∂risch – aus einem zweist√ľndigen Gespr√§ch habe ich ein Interview “zusammengefasst” – kein Korrekturwunsch.

Journalismus vs. PR-Gebabbel

Und es gibt komplett unsouver√§ne Gespr√§chspartner wie die FDP-Bundestagsabgeordnete Dr. Birgit Reinemund. Die l√§sst drei Wochen nach Zusendung des Interviews mitteilen, die meisten Fragen und Antworten seinen “nicht in ihrem Sinne wiedergegeben”. Daher m√ľsse das Interview “grunds√§tzlich √ľberarbeitet werden”. Das brauche “leider noch etwas mehr Zeit”. Wenn wir auf eine Ver√∂ffentlichung verzichten wollten, stehe uns das “frei”. Man bitte um R√ľckmeldung, ob man das Interview √ľberarbeiten solle.

Dies ist die R√ľckmeldung: Frau Dr. Reinemund oder ein Angestellter in deren B√ľro k√∂nnen sich die M√ľhe sparen. Denn wir ver√∂ffentlichen keine Interviewtexte, die im “Sinne von irgendjemandem” und “grunds√§tzlich” √ľberarbeitet worden sind. Wir sind keine ausgelagerte PR-Pressestelle, die irgendwelche gegl√§ttete Parteipropaganda in die Welt hinausbl√§st. Wir stellen Fragen und bilden die gegebenen Antworten inhaltlich korrekt ab. Und unsere Fragen bleiben unsere Fragen – ganz sicher lassen wir die nicht grunds√§tzlich im Sinne von Hinz und Kunz √ľberarbeiten.

Die Antworten der Gespr√§chspartner geben wir zutreffend wieder. Das Angebot der Freigabe hei√üt nicht, dass sich Politiker oder andere interviewte Personen hinterher “bessere” Antworten √ľberlegen k√∂nnen, sondern dass der Inhalt auf Fehler gepr√ľft wird. Vielleicht wurde eine falsche Zahl genannt oder ein nicht korrektes Datum. Vielleicht haben wir tats√§chlich etwas inhaltlich nicht korrekt erfasst – auch das ist “theoretisch” m√∂glich. Mit solchen Korrekturen, die faktisch begr√ľndet sind, haben wir keine Probleme.

Dreiste Freigeberitits

In der Journalistenbranche wird die “Freigeberitis” schon seit Jahren thematisiert. Es gibt sogar Politiker, die so dreist sind, dass sie nicht-gestellte Fragen in Texte einf√ľgen oder Fragen umschreiben, damit sie die gew√ľnschte Antwort darauf geben k√∂nnen. Leider gibt es zu viele Medien, die das durchgehen lassen. Immer wieder h√∂ren wir den Wunsch, das wir Artikel vor Ver√∂ffentlichung “zur Pr√ľfung” vorlegen sollen, “das machen doch alle, also auch Zeitung xy”.

Wenn Medien und Politiker oder andere Personen so “Hand in Hand” arbeiten, ist jede unabh√§ngige Berichterstattung, jedes kritische Nachfragen, jede Pressefreiheit schlicht und einfach erledigt. Journalismus hat dann ausgedient. √úbrig bleibt eine reine PR-Schleuder.

Vielleicht hat Frau Dr. Reinemund bislang andere Erfahrungen gemacht oder ist als “Hinterb√§nklerin” in ihrer ersten Legislaturperiode einfach zu unerfahren oder vielleicht ist ihr B√ľroleiter, der FDP-Stadtrat Volker Beisel, vorauseilend gehorsam.

Als Chefredakteur habe ich mir die Gespr√§chsaufzeichnung zwischen Frau Dr. Reinemund und unserer Volot√§rin Lydia Dartsch angeh√∂rt und den Interviewtext dazu gelesen. Die Arbeit ist vollkommen zutreffend und in Ordnung. Selbstverst√§ndlich ist ein Interview meistens eine “Kunstform”, das hei√üt, Antworten werden zusammgenfasst und gestrafft, sprachlich √ľberarbeitet – auch im Sinne der Gespr√§chspartner. Oder sollte man jedes “√§h”, jede Wiederholung, jede “seltsame” Formulierung wiedergeben? Das w√ľrde Texte unlesbar machen.

Die Kollegin Lydia Dartsch hat die Aussagen von Frau Dr. Reinemund zutreffend zusammengefasst. Wenn Frau Dr. Reinemund oder ihr B√ľroleiter Beisel nun im Nachhinein andere Formulierungen “in ihrem Sinne” w√ľnschen, bedanken wir uns ganz herzlich, dass uns die “Freiheit” zugestanden wird, den Text nicht ver√∂ffentlichen zu m√ľssen.

Hinweis: Die Interviews mit den Kandidaten werden jeweils terminlich vereinbart. Dann wir ein Gespr√§ch gef√ľhrt. Idealerweise sind Fragen und Antworten 1:1 identisch. Das setzt allerdings eine hohe Konzentration und au√üerordentliche rhetorische F√§higkeiten beim Gespr√§chspartner voraus. Typischerweise werden Aussagen zusammengefasst und aus dem m√ľndlichen in Textsprache transskribiert. Die Aufgabe dabei ist, so nah wie m√∂glich an der m√ľndlichen Aussagen zu bleiben. Insbesondere, wenn viele “Nebens√§tze” oder “Gedankenspr√ľnge” vorhanden sind, erfordert dies durchaus ein hohes Geschick. Ziel ist immer die zutreffende Wiedergabe der inhaltlichen Information.

Bislang sind diese Interviews erschienen:

Franziska Brantner (B√ľndnis90/Die Gr√ľnen): Schon meine Schulzeit war europ√§isch gepr√§gt

Lothar Binding (SPD): Kluge Politik nicht nur f√ľr die Region allein

Dirk Niebel (FDP): Wer einen Plan B hat, folgt Plan A nicht konsequent genug

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√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.

  • Josef Deinlein

    Muss man denn auf solche Zensuren wirklich eingehen? Kann man nicht einfach sagen, dass es nicht darum geht, das Interview auf die Interessen des Interviewten einstellt, sondern dass es darum geht, dass dieses Interview korrekt wiedergegeben ist und dass man deshalb das Interview unverändert veröffentlicht, weil es bei der Freigabe auch nur darum geht, dass der Interviewte weiß, was freigegeben wird.

    • hardyprothmann

      Guten Tag!
      Wir hätten das Interview bringen können, verzichten aber wegen des dargestellten Ablaufs darauf.

      Einen schönen Tag
      Hardy Prothmann

  • w_p

    Auch wenn Sie in diesem betreffendem Fall vielleicht wirklich Recht haben (was man schlecht √ľberpr√ľfen kann, da man ja nicht das komplette, nicht-transkribierte und das √ľberarbeitete Interview sieht) st√∂rt mich etwas das ‘Nachtreten’ im Artikel und der selbstgerechte Ton – nach dem Motto, “Was soll das mit dieser Freigeberitis? Wir w√ľrden doch NIE etwas falsch machen au√üer sehr kleinen Sachen – diese M√∂glichkeit besteht doch nur in der Theorie!”
    Gerade wenn man sich F√§lle wie z.B. den des Bundespr√§sidenten ansieht, dem praktisch unter Verdrehung der Tatsachen in den Mund gelegt wurde das er Snowden f√ľr einen Verr√§ter h√§lt, dann ist das Bestehen auf dem Freigeben eines Textes schon fast eine Zwangsl√§ufigkeit.

    • hardyprothmann

      Guten Tag!

      Sie sind anscheinend ein neuer Leser. Wir thematisieren regelm√§√üig, dass √ľberall da, wo Menschen arbeiten, Fehler gemacht werden. Im Gegensatz zu anderen Medien verschweigen wir das nicht, sondern kommunizieren Fehler.

      Nach Ihrer Argumentation g√§be es keine freie Presse mehr. Denken Sie nochmal dr√ľber nach.

      • w_p

        Nachdem ich dar√ľber nachgedacht habe (√ľbrigens eine sch√∂ne rhetorische Methode – “Denken sie mal dar√ľber nach” und damit implizieren das der Gegen√ľber wenn er nur nachdenken w√ľrde einem zustimmen muss ;)) kann ich ihre Bef√ľrchtung nicht nachvollziehen.

        Erstens besteht eine Zeitung nicht nur aus Interviews – niemand h√§lt sie davon ab einen normalen Artikel √ľber die betreffende Person zu schreiben.

        Zweitens sehe ich nicht inwiefern eine √úberpr√ľfung des Textes auf sachliche und inhaltliche Richtigkeit die Pressefreiheit beschneidet. Journalisten sind (wie sie richtig bemerkt haben) Menschen, machen Fehler und/oder deuten manchmal ein Interview b√∂swillig in eine bestimmte Richtung damit sie die n√§chste gro√üe Schlagzeile bekommen (Leider sind ja die meisten Zeitungen nicht politisch neutral, sondern verfolgen selbst eine bestimmte politische Agenda oder stehen ihr zumindest nahe. Vergleichen sie doch mal ein Interview mit jemanden von der CDU und der SPD in der taz). Und das muss man sich als Interviewter meiner Meinung nach nicht gefallen lassen.

        Nat√ľrlich gibt es auch die andere Seite der Medaille die sie in ihrem Eintrag beschreiben haben. Ehrlich gesagt bin ich sogar geneigt Ihnen da zu glauben nachdem ich mir die anderen Interviews durchgelesen habe. Im Interview mit Dr. P√∂ltl agieren sie als reiner Stichwortgeber zu bestimmten Themen, kritische oder diskussionsw√ľrdige Nachfragen sehe ich dort nicht – ich w√ľsste also auch nicht was daran jemand beanstanden k√∂nnte.

  • hardyprothmann
  • hardyprothmann

    Guten Tag!

    Die taz hatte auch Schwierigkeiten mit einem FDP-Politiker:

    https://blogs.taz.de/hausblog/2013/09/09/philipp-roesler-fragen-und-keine-antworten/

  • hardyprothmann

    “Zwei Schmetterlinge tanzen neben Reinemund in der Luft, aus dem
    Nachbargarten hört man einen Brunnen plätschern. Es ist ein kleines
    Idyll, das sie sich hier drau√üen geschaffen hat.”

    https://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/von-der-freude-ins-kalte-wasser-zu-springen-1.1194170